World Association of Newspapers and News Publishers

Datum

Thu - 31.07.2014


„Wir müssen uns mit den Lesern und Nutzern weiterentwickeln“

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„Wir müssen uns mit den Lesern und Nutzern weiterentwickeln“

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13146

Interview mit Erik Bjerager, WEF-Präsident

Im Februar wurde Erik Bjerager zum neuen Präsidenten des World Editors Forum (WEF) gewählt, der weltweiten Organisation für Chefredakteure und andere redaktionelle Führungskräfte von Zeitungen innerhalb von WAN-IFRA.

Er wurde Mitte Februar vom WEF-Vorstand, dem er seit 2001 angehört, für eine zweijährige Amtszeit gewählt.

Bjerager ist zudem seit 1994 Chefredakteur und seit 1995 Geschäftsführender Direktor der überregionalen dänischen Tageszeitung Kristeligt Dagblad. In Dänemark ist er Vorstandsvorsitzender der verschiedenen Medienhäusern gehörenden Nachrichtenagentur Ritzau. Zudem ist er Vorsitzender der dänischen Pressestiftung (seit 2001) und Vorsitzender des Kopenhagener Redakteursforums.

Im Folgenden spricht er über die Herausforderungen der Nachrichtenredaktionen und wie Redakteure ihnen begegnen können sowie über seine Ziele für das WEF.

WAN-IFRA: Nie war der Druck, einzigartige, mannigfaltige Inhalte zu erstellen, die die Generierung zusätzlicher Einnahmen ermöglichen, so groß wie heute. Wie wird sich angesichts dessen die Rolle des Chefredakteurs kurz- und langfristig verändern?

ERIK Bjerager: In Zukunft werden sich Chefredakteure unweigerlich weit stärker auf Multi­media und die übrige digitale Welt ausrichten müssen. Das bedeutet, dass sie vor allem Innovationen und die geschäftliche Seite der Medien im Auge haben müssen. Das Inter­net ist, wahrscheinlich mehr noch als Print, sehr stark vom Ringen um Reichweite bestimmt, und um die Nutzerzahlen einer Website wesentlich zu steigern, muss man meines Erachtens kommerzieller denken als wir es im Printbereich bislang gewohnt waren. Kurzum, ich glaube, dass die Rolle des Chefredakteurs künftig wesentlich breiter gefächerte Anforderungen beinhalten wird. (...) Chefredakteure sind in viele weitere Bereiche der Zeitung und des Zeitungsgeschäfts involviert und müssen auch künftig darin involviert sein.

WAN-IFRA: Wie können Zeitungsverlage sicherstellen, dass redaktionelle Integrität und Unabhängigkeit angesichts der heutigen Devise, Nachrichten so schnell wie möglich digital zu veröffentlichen, weiterhin oberste Priorität haben werden?

E. Bjerager: Das Überleben der Zeitungen im Internet und auf allen digitalen Plattformen hängt davon ab, ob ihre Marken für Qualität stehen. Ich denke, es wird zu einer klaren Trennung zwischen Qualitäts-Nachrichten-Websites und anderen Websites kommen, und wenn Nachrichtenunternehmen ihrer Rolle als zuverlässige Informationsquelle weiterhin gerecht werden wollen, müssen sie die Qualität stets in den Mittelpunkt stellen. Dabei dürfen wir uns nicht von neuen Entwicklungen ablenken lassen und Print nicht vernachlässigen. Meiner Einschätzung nach wird Print sich in absehbarer Zukunft bezahlt machen, und deshalb sollten wir viel Zeit und Mühe auf die Stärkung unserer Printzeitungen verwenden. Bei der Entwicklung digitaler Dienste geht viel von diesem Fokus verloren und die meisten Zeitungen konstatieren, dass sie mit Online-Angeboten bislang sehr wenig verdienen. Aus einer vor Kurzem durchgeführten Studie geht hervor, dass Print im Jahr 2017 in Großbritannien nach wie vor 86 % der Zeitungserlöse erwirtschaften wird. In den USA stammen derzeit 9,3 % der Erlöse aus digitalen Quellen. In sechs Jahren werden es voraussichtlich 14,6 % sein. (...) Wir sollten alles daran setzen, Print auf die neue Marktsituation auszurichten, weil Print sich nach wie vor bezahlt macht.

WAN-IFRA: Wie steht es in den Redaktionen um das Training der Journalisten, die immer mehr unterschiedliche Medienplattformen bedienen müssen?

E. Bjerager: Wir tun mit Sicherheit nicht genug. Es ist nötig, dass alle Zeitungen das Training ihrer Journalisten verstärken: Das muss ein kontinuierlicher Prozess sein. Wir müssen weit besser werden. In der dänischen Medienwelt hat jeder Journalist Anspruch auf etwa eine Woche Schulung pro Jahr, aber ich glaube, dass viele Zeitungen und Medienhäuser durchaus kurze Schulungen von einem oder einem halben Tag zu verschiedenen Themenbereichen organisieren könnten. Bei meiner Zeitung beispielsweise haben Journalisten ge rade eine zweitägige Schulung zur journalistischen Internetrecherche von qualifizierten Trainern erhalten. Bei uns gibt es auch journalistisches Grundlagen-Training zur Verbesserung der Ausdrucksfähigkeit, zum besseren Schreiben von Artikeln, Formulieren von Titeln und einem besseren Umgang mit grundlegenden journalistischen Fragen. Wir glauben, dass wir diese Dinge beherrschen, aber das ist nicht der Fall: Wir können immer noch 10 % besser werden. Das sollte unsere Maßgabe für das weitere Vorgehen sein, 10 % besser zu werden.

WAN-IFRA: Wie sehen Sie die Rolle der sozialen Medien in der Redaktion?

E. Bjerager: Multimedia-Plattformen stellen Zeitungen vor sehr unterschiedliche Herausforderungen und diese gehen damit sehr unterschiedlich um. Mit Sicherheit wird es nötig sein, unsere Arbeitsweise im Hinblick auf soziale Medien zu überdenken: Die Art, wie wir soziale Medien als journalistisches Instrument nutzen können, um neue Quellen zu erschließen und neue Blickwinkel auf unsere Berichterstattung zu erhalten. Ich glaube auch, dass soziale Medien in größerem Maßstab von Zeitungen genutzt werden können, um Strategien zu entwickeln, neue Ideen zu gewinnen und das eigene Geschäft weiterzuentwickeln. Man kann seinen Nutzern Fragen stellen und mit ihnen auf sehr viel kreativere Weise kommunizieren als zuvor. Die Leser sind gern bereit, zu unserer Zeitung und unserer digitalen Entwicklung beizutragen, so wie wir es uns heute noch gar nicht vorstellen können. Ich glaube, dass da eine ganz neue Welt auf uns zukommt. In der Vergangenheit haben wir unsere Medien für unsere Leser und Nutzer entwickelt, heute und in Zukunft müssen wir dies mit unseren Lesern und Nutzern tun.

WAN-IFRA: In den letzten Jahren wurden sehr viele redaktionelle Stellen gestrichen. Haben die Redaktionen einen Punkt erreicht, wo der Umsatz zurückgeht und möglicherweise weitere Stellen abgebaut werden müssen?

E. Bjerager: In Westeuropa und den USA verzeichnen die Zeitungen einen kontinuier­lichen Auflagenrückgang. Wird der Einnahmenverlust nicht durch einen entsprechenden Anstieg der Einnahmen aus digitalen Medien und anderen Quellen kompensiert, müssen in der Redaktion unweigerlich weitere Stellen gestrichen werden. Das stellt meines Erachtens eine Herausforderung oder sogar eine Gefahr für eine gut organisierte Demokratie dar. Ich glaube, dass bis jetzt noch niemand in der Lage war, digitale Medien zu etablieren, die Zeitungen in einer demokratischen Struktur ersetzen können. Print ist auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene geeignet, Nachrichten, Debatten und Kommentare für die Leser aufzubereiten und zu priorisieren. Bislang ist nicht erkennbar, wie es mit digitalen Medien möglich sein soll, eine kontinuierliche Debatte aufrechtzuerhalten und zu fördern und einen Überblick über die öffentliche Diskussion sowie Transparenz zu garantieren.

WAN-IFRA: Was sind Ihre wichtigsten Ziele als Präsident des World Editors Forum?

E. Bjerager: Das vorrangige Ziel liegt in der Stärkung und Weiterentwicklung von Qualitätsjournalismus. Im Hinblick darauf beabsichtige ich, das WEF-Netzwerk der Chefredakteure und redaktionellen Führungskräfte auszubauen und Veranstaltungen wie z. B. Konferenzen und Studienreisen zu fördern, die Redaktionsverantwortlichen in aller Welt effektiv dabei helfen können, Einblick in Best-Practice-Verfahren zu gewinnen. Meine Hoffnung ist, dass das WEF ihnen weiterhin ein inspirierendes Forum sein kann. Hohe Priorität für meine Arbeit als WEF-Präsident hat auch der Kampf um mehr Pressefreiheit.

WAN-IFRA: Welche Themen werden Ihrer Meinung nach in diesem Jahr die ­Dis­kussion innerhalb des WEF beherrschen?

E. Bjerager: Ein Thema, das weiterhin überall diskutiert wird, ist, wie man mit Online-Angeboten Geld verdienen kann. Das wird abermals die große Frage sein: Wie lässt sich mit Tablets, Mobiltelefonen und natürlich mit dem Internet Umsatz generieren? Dies stellt für uns die größte Herausforderung dar, denn ohne ausreichendes Einkommen stehen weitere Kürzungen in den Redaktionen an. Wir benötigen Einnahmen aus unseren Digitalangeboten, um den Einnahmenrückgang im Printbereich zu kompensieren, den fast jeder Verlag zu spüren bekommt.

Autor

WAN-IFRA

Datum

2011-04-26 14:30

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Das zweimonatlich erscheinende Fachmagazin der WAN-IFRA befasst sich mit den neuesten Entwicklungen und speziellen Marktgegebenheiten der internationalen Zeitungs- und Medienbranche und liefert wertvolle Hintergrundinformationen. Weiter ...